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  1. Mit Moodle habe ich eine Weile beschäftigt und auch andere E-Learning-Software kennengelernt. Nach anfänglicher Begeisterung kehrte Ernüchterung ein. Und ich hänge gerade an einem Gedankengang, den ich hier gerne zur Diskussion stellen würde:

    Es scheint mir so, dass E-Learning-Programme dem lehrerzentrierten Unterricht ein neues Feigenblatt umhängen: Statt mehr Freiheit beim Lernen zu geben und, neben gesteuertem Input fundierter Sachkenntnisse, eigenständiges Lernen zu fördern, wird durch E-Learning die Kontrolle durch die Lehrkraft eher verstärkt (»dass man als Lehrer sehe, was der einzelne Schüler arbeitet«).

    Zunehmend komme ich dazu, digitale Technologie und Vernetzungs-MÖGLICHKEITEN im Internet als solche für den Unterricht zu nutzen, indem ich Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit gebe, mich, wenn der Bedarf da ist, als »Coach« anfragen.

    Ich biete Unterstützung an, die über den Unterricht und die übliche Form des Lernens hinaus geht: Ich nehme Texte von Schülerinnen und Schülern, die sie freiwillig durchgesehen haben wollen, auch per E-Mail an (und kommentiere dann auch per Rechner) – Einsatz des Internets als Instrument zur Förderung kooperativer Lernformen, nicht, indem ich sich einfordere, sondern anbiete und dann darauf hinarbeite, dass Lernende auf diesem Wege sich auch gegenseitig unterstützen.

    Ich schreibe ein Blog, das völlig frei von didaktischer Reduktion, methodisch aufgearbeitetem Material etc. ist; ein Blog, in dem Lernende sehen können, wie ein Lehrer an Themen arbeitet. Hier geht es also nicht um Anleitung, sondern um beispielhaftes Arbeiten, bei dem ich weder in der Sprache noch in der Form der Aufarbeitung didaktischen Modellen folge, sondern einig meiner Leidenschaft für die Themen. Bis jetzt mache ich die Erfahrung, dass das bei einigen Lernenden dazu führt, dass sie – und sei es aus reiner Neugier, was der Lehrer da so schreibt – diese Texte lesen und ihre eigenen Texte noch einmal mit anderen Augen betrachten (Kompetenzförderung der Selbstreflexion eigener Arbeitsprodukte).

    Dabei entsteht eine neue Lernkultur: Lernende können plötzlich selbst beobachten, wie z.B. die Beschäftigung des Lehrers mit einem Thema für den Unterricht noch einmal völlig neu aufgearbeitet und mit didaktischen und methodischen Prinzipien verknüpft wird.

    Darüber hinaus tauche ich immer häufiger mit dem Laptop im Unterricht auf, nicht aber, um eine Präsentation abzuspulen, sondern weil es für mich ein Arbeitsinstrument ist (Schülerverwaltung; Notizen im Unterricht, ohne den Blickkontakt zu der Lerngruppe zu verlieren, weil ich auf dem Rechner »blind« schreiben kann…). Lernende werden so nicht »gezwungen«, sich in der geschlossenen Welt einer E-Learning-Plattform zu bewegen, sondern erfahren zunehmend, dass digitale ARBEITSformen ihren Lernprozess unterstützten können.

    Ich erschrak schon, als mich Schüler einmal fragten, sie waren dabei eine Präsentation vorzubereiten, ob sie zu einer Stunde, in der sie mit ihrer Arbeitsgruppe arbeiteten, denn ihren Laptop mitbringen dürften. Es war ihnen überhaupt nicht bewusst, dass sie über die pure Papierplanung ihrer Referate im Unterricht (wenn er nicht mal im Computerraum stattfindet, der mir ständige Dauereinsicht auf alle Schülerbildschirme erlaubt) hinaus, auch mit ihrem eigenen Laptop arbeiten dürfen.

    Eine neue Lernkultur bedeutet für mich, dass das Neue für das Lernen wirklich zugänglich gemacht wird, nicht durch lehrergesteuerte Lernmodule auf einer Lernplattform, sondern durch den Erwerb der Kompetenz, mit den immer weniger hierarisch werdenden Wissenstrukturen im digitalen Kontext umgehen zu lernen. Dazu gehört für mich deutlich mehr, als eine E-Learning-Plattform einzusetzen. Diese kann sicherlich sinnvoll sein, wenn sie (und hier bietet Moodle zumindest die Möglichkeiten für) wirklich den individuellen Lernwegen der Schüler und Schülerinnen entgegenkommen und eben nicht zuerst darauf angelegt sind, »dass man als Lehrer sehe, was der einzelne Schüler arbeitet«.

    Das geht für mich allerdings alles nur, weil ich ein ebenso großer Fan des analogen Arbeitens bin und dies auch von den Schülerinnen und Schülern fordere, damit sie auf möglichst vielen Kanälen des Wissenserwerbs Kompetenzen erwerben könnenm.

    Bücher, Handschriftlichkeit und digitales Handwerkszeug greifen für mich ineinander. Ziel ist es, dass möglichst viele Kanäle des Wissenserwerbs genutzt werden. E-Learning-Plattformen hingegen neigen dazu, ALLEN Schülerinnen und Schüler möglichst ähnliche (erwartete) Lernwege vorzugeben, womit binnendifferenzierten Formen des Unterrichtens eher ein Bärendienst erweisen wird.

    Und jetzt, da ich sagte, dass mich diese Gedanken zur Zeit umtreiben, würde ich mich freuen, wenn mir jemand sagen könnte, ob die Gedankengänge 1. überhaupt nachvollziehbar sind, 2. wichtige Aspekte der Frage übersehen und 3. möglicherweise wirklich eine neue Lernkultur im Blick haben.

  2. anja

    Hallo aus Österreich.

    Seit einiger Zeit biete ich eLearing für Schüler und auch in der Freien Jugendarbeit an.
    Mit Lehr-Lernmethoden habe ich mich erst seit kurzem intensiv befasst, auch mit Theorien.
    In der Praxis konnte ich die Erfahrung machen, dass meine Blended Learning Veranstaltung (bislang erst eine) ein wenig daran gescheitert ist, dass die Schüler sich selten, bis gar nicht auf die Plattform begeben haben. Diskussionen in Foren haben nicht wirklich stattgefunden. Bis auf einmal: da hat ein Schüler rassistische Aussprüche gemacht und so Reaktionen im Forum hervorgerufen.
    Als „Lehre“ aus diser Erfahrung habe ich gezogen, dass man eTutorien im Computerraum durchführen muss. Ziel ist es, die Schüler an das Medium Computer als Lernmedium und Internet als „Recherchetool“ bis hin zum „social Web“ heranführen muss.
    Es geht nicht um das „Überwachen“, sondern um viele Hilfestellungen, die man als Lehrkraft gibt und die sich die Schüler untereinander geben.

    Ich gebe mich auch der Hoffnung hin, dass die Schüler sich durch meine Wissbegierde inspirieren lassen und durch meinen – noch – Wissensvorsprung zu vielen Anwendungen.

    Ein bisschen verliebt musst man schon sein in das Medium, damit auch etwas auf die Schüler überspringt!

    ANJA

  3. Tobias Unger

    Zitat: „Der “Coach” ist eigentlich viel mehr ein Jazzbandleader, der eine sinnvolle Umgebung schafft, damit die Bandmitglieder glänzen können.“

    Ich darf Sie hoffentlich zitieren 😉 Ein wunderbarer und zutreffender Vergleich!

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